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Ammanns wunderbare Welt in Zahlen
Wo finde ich die Zahlen? 

In Tageszeitungen, Magazinen, Büchern, Broschüren, im Internet, kurz, in allem, was mir unter die Augen kommt. Etwa in der Neuen Zürcher Zeitung, dem Zürcher Tages-Anzeiger, der Weltwoche, im Spiegel, in der Zeit, der Süddeutschen Zeitung, häufig im Economist, in der Londoner Times, der International Herald Tribune, im Wall Street Journal Europe, in den Magazinen Time und Newsweek, Fortune, P.M, Nature, ab und zu im herzerfrischenden Canard Enchaîné, in Paris Match und anderen wie Walrus (Kanada), Ecologist (London), NZZ Folio (Zürich), Discover, Geo (Hamburg) – und manche auch in jener mehr als 150 Jahre alten Publikation, die mir die ursprüngliche Idee gab: Harper’s Magazine (nicht zu verwechseln mit Harper’s Bazaar), einem sehr lesenswerten Monatsmagazin aus der Stadt New York. Seit etwa zwei Jahren lasse ich mir zudem die New York Times on Sunday einfliegen.
Wie kam ich auf die Idee? 

In „Harper’s Magazine“ gibt es seit Jahrzehnten eine Rubrik, die heisst „Harper’s Index“. Sie führt Zahlen auf. Es ist meine Lieblingsrubrik – und das seit Jahren. Die Zahlen beziehen sich, da es sich um eine amerikanische Publikation handelt, schwerpunktmässig auf die USA. Ich erarbeitete eine ähnliche Rubrik mit hauptsächlich europäischem Zahlenmaterial. Sie erschien erstmals im Januar 2002. In der Schweiz nahm die „Weltwoche“ die „Welt in Zahlen“ im Herbst 2004 auf und setzte sie per Ende 2004 wegen Budgetkürzungen wieder ab. Am 8. Februar 2005 an wurde die "Zahl des Tages" auf den Bildschirmen von Infoscreen in Deutschland aufgeschaltet. Im Frühling 2005 wurde die "Welt in Zahlen" als Taschenbuch bei Ullstein publiziert. Übrigens: Ein kleiner, aber nicht unwesentlicher Unterschied von Kolumne(n) zu Buch: Im Buch haben wir die Zahlen mit der Massangabe (Tag, Liter, Kilogramm) hinter den Doppelpunkt gestellt. Wegen der höheren Lesbarkeit. Und: Letztlich sind schätzungsweise 90 Prozent der Daten neu oder aktualisiert.
Wie wähle ich die Zahlen aus? 

Es gibt in den Bereichen Text und Textmedien für mehrere Dinge Fachbegriffe, etwa den Vorspann bzw. lead (eine meist kursiv gesetzte Zusammenfassung oder Einführung für nervöse Leser), eine Jööö-Geschichte (das sind jene mit den flauschigen Hündchen und den rührenden Texten) oder die Hey-Martha!-Story. Da stellt sich der Journalist vor, wie der Gatte im Unterhemd morgens in der Küche beim Kaffee sitzt, dröge die Zeitung liest, weil er gar nichts erwartet und plötzlich auf den Tisch klopft und ins Bad brüllt: „HE!! MARTHA!!! Hast du das gewusst? Hör dir das mal an!“ Wenn mich eine Zahl vor Verblüffung, Ekel, Grauen, Lachen oder Kopfschütteln dazu reizt, „Hey, Martha!“ zu brüllen, dann weiss ich, das ist die richtige Zahl. Und dann lege ich den Ausschnitt aus der Zeitung oder aus dem Magazin zur Seite. Später, wenn der Kaffee kalt ist und ich geduscht und gekämmt am Pult sitze und die Zahlen auswähle, bleiben aus dem Berg eh nur die wenigsten übrig. Was mich an einer Zahl interessiert, ist die Geschichte dahinter, der Umgang der Menschen miteinander und mit ihrer Umwelt und die ewige Frage: Werden die Dinge besser oder werden sie schlechter?
Weshalb sind keine Quellen aufgeführt? 

Das hätte die Seitenzahl des Buches vermutlich um einen Drittel erhöht, daher haben wir darauf verzichtet. Die meisten Leserinnen und Leser – so nehme ich an – vertrauen darauf, dass das, was wir publizieren, auch stimmt. Wenn Sie die exaktere Herkunft einer bestimmten Statistik oder Zahl interessiert, schreiben Sie an ammann@zahlenwelt.net und ich gebe Ihnen gerne die Quelle bekannt.
Wurden die Zahlen geprüft? 

Ja, soweit das in meinen bzw. unseren Möglichkeiten lag. Die Faktenprüferinnen Katja Ploch und Victoria Strathon sind sorgfältig jedem Vornamen, jedem Namen, jeder Funktion, jedem Ort, jedem Staat, jeden Datum, jeder Zahl usw. nachgegangen und haben die Information allenfalls korrigiert. Die Zahlen stammen, wie erwähnt, aus internationalen Medien. Was wir nicht prüfen konnten, war letztlich der Wahrheitsgehalt. Wenn der Economist schreibt, die Schwarzarbeit in Peru betrage 70 % der gesamten Wirtschaft, dann haben wir das so übernommen, denn des handelt sich beim Economist um ein glaubwürdiges Medium, das nicht willentlich Gerüchte in die Welt setzt. Wenn der Spiegel schreibt, eine kanadische Studie habe ergeben, Nichtraucher verdienten 22 % mehr als Raucher, ebenso. Es ist eine Tatsache, dass im Jahr 2003 immerhin 11 Staaten weltweit die Züchtigung von Kindern per Gesetz verbieten. Aber wer beweist uns, dass 94 % aller US-amerikanischen Eltern gegenüber ihren Kindern handgreiflich werden, bevor diese 4 Jahre alt sind? Ob es nun 78 % oder 98 % sind, ist für mich letztlich weniger wesentlich als die Ahnung, dass die weitaus überwiegende Mehrheit der loving Mommies and Daddies ihren Kleinkindern auch heute noch den Hintern versohlt.
Ist das alles wahr? 

Manchmal hoffte ich, das Schlimme wäre nicht wahr und die Wirklichkeit eine andere. Zahlen sind nichts anderes als der – möglicherweise – hilflose Versuch, die Realität in einem bestimmten Zeitraum zu ordnen. Wir haben wenige Möglichkeiten der Messung von Wirklichkeit. Zahlen, wie sie hier publiziert sind, hängen manchmal von sehr vielen Unsicherheitsfaktoren ab, meist bei Umfragen. Wo liegt beispielsweise unsere Schwelle, wenn wir von einem Marktforschungsinstitut gefragt werden, ob wir „patriotisch“ oder „sehr patriotisch“ seien, während der Telefonhörer zwischen Schulter und Ohr klemmt und wir gerade versuchen, den Spaghetti-Topf vom Herd zu ziehen? Ausserdem und nur um ein paar Fragen zu nennen, die sich stellen: Wieviele Leute wurden befragt? In welchem Zeitraum? In welcher Gruppe? Ist die Gruppe repräsentativ und gross genug? Waren die Fragen suggestiv? ¬– Manchmal sind die Zahlen äusserst präzise, etwa der Gewichtsverlust des Ur-Kilos in Paris. Kurz gesagt: Lesen Sie dieses Buch wie jede Statistik auch: mit einer gehörigen Portion Skepsis. Zahlen sind ein Hinweis auf dieses oder jenes. Auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner vielleicht. Sie versuchen, eine Wirklichkeit auszudrücken. Sie sind dabei der Zeit unterworfen, unserer Wahrnehmung, unseren Stimmungen und unseren ethischen, wirtschaftlichen und politischen Ansichten und – meist auch – Absichten.
Die Zahlenfolge ist manchmal suggestiv. 

Richtig. Das macht einen Teil der Verblüffung aus – und des Humors, wie ich hoffe. Wenn 88 % der Manager angeben, ihre Sitzungen seien unproduktiv und ein Flügel 88 Tasten hat, dann haben die beiden Zahlen zwar überhaupt nichts miteinander zu tun. Aber man kann daraus auch schliessen, dass ein Manager, statt in einer Sitzung an die Decke zu starren und die Neonleuchten zu zählen, Klavier spielen könnte. Daher habe ich die zwei Zahlen zueinander gestellt. Das war das Beispiel für Ironie. Andere Zusammenzüge drücken Gemeinheiten und endlose Tragödien aus. Wenn ein Kind für 16 US-Dollar in die Sklaverei verkauft wird und ein Toast, den ein berühmter Zeitgenosse angebissen haben soll, einem Käufer 1900 US-Dollar wert ist, dann erübrigt sich jeder Kommentar.
Wie alt ist das Datenmaterial? 

Die meisten Zahlen im Buch stammen aus den Jahren 2002 und 2003. Redaktionsschluss war Anfang Dezember 2003. Daneben gilt: Von der Zeit der Erhebung über die Verarbeitung bis zur Publikation in den Medien bis zu unserer Wahrnehmung vergeht Zeit. Manchmal vergehen Jahre. Wir haben versucht, das aktuellst erhältliche Zahlenmaterial zu verarbeiten. Manche Zahlen bleiben für immer – manche altern sehr rasch. Das gilt vor allem für die Umrechnungskurse. Ungarische Forint, Schweizer Franken wurden wie alle anderen Währungen in Euro (€) umgerechnet und auf- oder abgerundet. Die Beträge in US-Dollar ($) und in britischen Pfund (£) hingegen wurden nicht angepasst. Zahlen in inches, miles oder gallons wurden umgerechnet und auf- oder abgerundet. Für Infoscreen, peterzahlt.de und den Fernsehkanal Pro7 produziere ich laufend neue Zahlen.
Warum heisst das Buch „Ammanns wunderbare Welt in Zahlen“? So wunderbar ist die dargestellte Welt ja nicht. 

Ja, das ist richtig. Der Titel ist weder ironisch noch zynisch gemeint. Man kann das „wunderbar“ auch als „wundersam“ lesen, als Welt voller Rätsel. Als Autor habe ich keinerlei Vorsprung auf eine Entdeckung. Ich entdecke, wie alle anderen Menschen auch, jeden Tag die Welt neu und wundere mich des öftern über sie. Vielleicht teilen Sie meine Neugier, meine Freude, meine Verblüffung – und auch meine Trauer.
Erscheinen weiterhin Zahlen? 

Ja. Auf Infoscreen, einer Firma aus München, die Informationsbildschirme auf Flughäfen, Bahnhöfen und U-Bahnhöfen programmiert, erscheint eine aktuelle "Zahl des Tages". Infoscreen schaltet die "Zahlen" simultan mit den Webseiten Zahlenwelt.net und Zahlenwelt.de. Ebenfalls neue "Zahlen" werden in "Saft & Kraft" publiziert, dem Kundenmagazin der Elektrizitätswerke des Kantons Zürich, das viermal jährlich publiziert wird. Auch Pro7 und das Portal peterzahlt.de schalten täglich neue Zahlen auf.
Letzte Frage. Woher kommt Ihre Leidenschaft? Sind Sie Mathematiker? 

Nein. Ich habe acht Semester Staatswissenschaften studiert; Diplomat bin ich aber nicht geworden, sondern Journalist. Seit Jahren führe ich Interviews und schreibe Reportagen. Im Jahr 2002 erschien mein erstes Kinderbuch – „Frau Holle verlor die Kontrolle“, eine Geschichte in Reimen. Was mich – neben der Geschichte dahinter – an Zahlen interessiert, ist die Abstraktion. Die Möglichkeit, komplexe Dinge fassbar oder begreiflich zu machen. Ein Beispiel: Wenn ein Wissenschafter und Autor nach einem Leben der Laborversuche und des Studiums herausfindet, dass es bloss drei Minuten dauert, bis sich zwei Menschen ineinander verlieben, dann... dann setze ich mich hin und frage mich, wie das bei mir war und ist und was ich davon halten soll, dass mich einer ertappt hat. Ein letztes Wort noch: Haben sich übrigens Fehler eingeschlichen, bitte ich um Nachsicht. Wo gearbeitet wird, passieren bei aller Sorgfalt Fehler.